Grafenau am Nationalpark bayerischer Wald

Die Salzsäumer

und das "weiße" Gold

Verwegene Gesellen sind sie mit ihren Bärten, ihrem mittelalterlichen Habit und den mit Salzkufen und Salzscheiben schwer beladenen Pferden - die Grafenauer Salzsäumer.

Sie ziehen seit 1976 auf historischen Wegen nach Grafenau, der letzten größeren Siedlung vor der böhmischen Grenze, um ihre schwere Last nach Bergreichenstein, der böhmischen Partnerstadt zu bringen.

Salz, der Stoff, den man auch das "weiße Gold" nannte, war in früheren Jahrhunderten eines der wichtigsten Handelsgüter. Man verwendete es nicht nur zum Würzen von Speisen, sondern vor allem zum Konservieren von Lebensmitteln. Dieses wertvolle Gut musste aus den österreichischen und bayerischen Salinen (z.B. Hallein, Berchtesgaden, Reichenhall) in die salzlosen Gebiete des früher so genannten "Nordwaldes", also des Bayerischen Waldes und des Böhmerwaldes gebracht werden. Bis nach Schärding und Passau konnte man die Wasserwege von Salzach und Inn nutzen. Dann aber musste der Transport über Land nach Böhmen erfolgen und dazu bediente man sich der Kraft und des Einsatzes von Mensch und Tier. Salzsäumer nannte man diese Transporteure des Mittelalters. Das Wort "Saum" bedeutet Last. Und diese Last konnte in früherer Zeit nur mit Pferden bewegt werden.

Die Spur des Salzhandels in früheren Jahrhunderten zog sich quer durch Europa. Geschichtlich belegt ist, dass auch Grafenau vom Salzhandel tangiert war und davon kräftig profitierte. Man geht davon aus, dass die Erhebung von Grafenau zur Stadt im Jahre 1376 durch Kaiser Karl IV, der auch König von Böhmen war, auf den damals beträchtlichen Handel mit Salz und anderen Waren zwischen Bayern und Böhmen zurückgeführt werden konnte.

Die Wege, auf denen die wertvolle Fracht befördert wurde, hatten klingende Namen: Goldener Steig hieß die Verbindung zwischen Passau und Prachatitz, Gulden Straß der Weg zwischen Grafenau und Bergreichenstein. Heute noch gibt es in Grafenau die Guldenstraße als Straßennamen. Sie führt auf der historischen Trasse nach Norden in Richtung böhmischer Grenze.

Als man im Jahre 1976 die 600. Wiederkehr der Stadterhebung feierte, lag es nahe, sich seiner geschichtlichen Wurzeln zu erinnern. Und die Geschichte belegte, dass zwischen dem heute österreichischen Schärding, Grafenau und Bergreichenstein im Böhmerwald rege Handelsbeziehungen bestanden. Da im Jubiläumsjahr 1976 der Eiserne Vorhang noch undurchdringlich war, konnte man nur mit den österreichischen Nachbarn Verhandlungen aufnehmen mit dem Ziel, einen historischen Salzsäumerzug von Schärding nach Grafenau auf den Weg zu schicken. Gleichzeitig bahnte man die Städtepartnerschaft zwischen Grafenau und Schärding an, die im Jahre 2016 40 Jahre besteht.

Es war 1976 absolutes Neuland, einen Salzsäumerzug aufzustellen und über 60 Kilometer von Schärding nach Grafenau marschieren zu lassen. Der damalige Geschäftsleiter der Stadt Grafenau und spätere Ehrenbürger, Franz Ranftl, wurde mit der Aufgabe betraut. Er rekrutierte 30 Männer aus Grafenau und der näheren Umgebung, worunter selbstverständlich auch Pferdebesitzer sein mussten. Schließlich waren 20 Pferde mit von der Partie.

Ein Glücksfall war es, dass die 1. Gebirgsdivision der Bundeswehr mit dem Sitz in Garmisch-Partenkirchen die Mittenwalder Tragtierkompanie 220 auflöste und den Grafenauern die Tragsättel der außer Dienst gestellten Mulis zur Verfügung standen und zudem der damalige Kommandeur der Gebirgstruppe, Generalmajor Michael Greipl, Ehrenbürger der später nach Grafenau eingegliederten ehemaligen Gemeinde Haus i. Wald war.

Am 30. Juni 1976 war es schließlich so weit. Der Zug setzte sich mittags unter dem Beifall vieler Bürgerinnen und Bürger vom Stadtplatz in Schärding in Bewegung. Ein 3-Tages-Abenteuer begann. Tausende Menschen begrüßten den 1. Säumerzug am 2. Juli 1976, als die Säumer mit ihren Pferden pünktlich zum Beginn des Grafenauer Volksfestes am Stadtplatz eintrafen. Schweißgebadet ließen sie das eigens eingebraute Säumerbier der Brauerei Bucher in Massen durch ihre Kehlen fließen, so dass die Strapazen in der Gluthitze der letzten Tage schnell vergessen waren.

Der Erfolg des 1. Säumerzuges brachte die Stadtväter auf die Idee, ein historisches "Salzsäumerfest"  ins Leben zu rufen, das jedes Jahr am 1. Samstag im August stattfinden sollte. Seit 1977 gibt es dieses Fest, wobei die Säumer aber nicht jedes Jahr den langen Weg von Schärding nach Grafenau nehmen, sondern im 7 km entfernten Harschetsreuth wegmarschieren. Lediglich zu besonderen Anlässen wie etwa runden Jubiläen der Städtepartnerschaft wird der anstrengende Weg von Schärding über Passau, Tittling und Haus i. Wald gegangen. Seit 1991 ist auch die böhmische Stadt Bergreichenstein (Kašperské Hory) Partnerstadt von Grafenau. Nach dorthin und von Bergreichenstein nach Grafenau fanden ebenfalls schon mehrere Märsche statt, die auf Grund der schwierigen Topografie für Mensch und Tier immer eine Herausforderung waren.

Im Jahr 2016 feiert Grafenau 40 Jahre Städtepartnerschaft mit Schärding und 25 Jahre mit Bergreichenstein. Den Salzsäumern stehen dann wohl wieder anstrengende und abenteuerliche Tage bevor.

In einem Eintrag im "Goldenen Buch" der Stadt Grafenau aus dem Jahre 2001 findet sich folgende Textpassage (Auszug):

"Dank gebührt den Salzsäumern, die sich unter Zurückstellung persönlicher Interessen und unter erheblichen körperlichen Anstrengungen bereit gefunden haben, der Stadt Grafenau, ihren Bürgern und den Gästen unserer Ferienregion einen guten Dienst zu erweisen."

Man hat den Säumern am Stadtplatz von Grafenau sogar ein Denkmal gesetzt. Der renommierte Bildhauer Joseph Michael Neustifter aus Eggenfelden hat einen Säumerbrunnen gestaltet, den ein wohlbeleibter Säumer mit Pferd ziert und dessen Inschrift an die Geschichte des Salzhandels erinnert.

Der Brunnen zeugt von alter Zeit
als vieles noch im Dunkeln lag.
Die Last, das Salz, ward tragen weit
mit Schweiß, mit Müh und mit viel Plag.
Von Schärding kommend zogen sie
mit Roß und Wagen ein.
Der Stadtplatz hier in Grafenau
mocht ´für sie Rastplatz sein.
Sie brachten Wohlstand zu uns her
vor vielen hundert Jahren
und diese Stadt gäb´s heute nicht
wär´n sie nicht durchgefahren.
Salzsäumer wurden sie genannt
gar schwer war ihre Fracht
sie zogen tief ins Böhmerland
wohin sie weißes Gold gebracht.
Wir wollen uns an sie erinnern
mit diesem Brunnen hier
was einst der Mensch ertragen mußte
zusammen mit dem Tier.

Wer übrigens mitmachen will als Salzsäumer, muss körperlich absolut fit und im Idealfall Pferdebesitzer sein. Der selbstzugelegte Wahlspruch der Grafenauer Salzsäumer lautet: "Hopfen, Malz und Salz - Gott erhalt´s." Daraus ist ersichtlich, dass auch dem kraftspendenden Gerstensaft hohe Bedeutung zukommt. Neue Säumer müssen sich insoweit einer strengen Examination stellen und ihre Trinkfestigkeit unter Beweis stellen.

Das Salzsäumerfest in Grafenau hat sich über nunmehr fast vier Jahrzehnte einen festen Platz im Festspielsommer des Bayerischen Waldes und darüber hinaus erobert. Die Grafenauer waren die ersten, die Heimatkunde und Geschichte insoweit erlebbar und lebendig gemacht haben.